Hey,
das Ziel sollte zunächst NICHT sein in nur einem Schritt das Endergebnis zu bekommen!!!
Ich gehe davon aus, dass die Aufnahmen nicht in einem professionellen, teuren, akustisch ausgebauten Studio stattfinden. Das ist auch nicht schlimm, das macht die Sache nur interessanter. Der erst Schritt sollte deshalb jedoch darin bestehen, mit der Mikrofonposition zu spielen und unterschiedliche Positionen im Aufnahmeraum miteinander zu vergleichen, bis man eine Stelle gefunden hat, die am besten Klingt. "Am besten klingen" heisst in diesem Fall, dass die Aufnahme möglichst natürlich klingt, so wie das Ohr die Stimme auch ohne Mikrofon wahrnimmt. Da das mit deinem Mikrofon und der Aufnahmeumgebung in der ich dich vermute, nicht zu 100% möglich ist, kommt anschließend ein Equalizer zum Einsatz. Mit diesem Werkzeug soll an dieser Stelle das korrigiert werden, was durch die Physik des Raumes und des Mikrofons nicht optimal dargestellt wurde, wie z.B. Raumresonanzen. Versuche daher die Aufnahme mit dem Equalizer so zu bearbeiten, dass die Stimme möglichst natürlich und offen klingt. Achte darauf, dass du lediglich Frequenzen absenkst, jedoch nicht anhebst! Das kann beim Gestalten im Endmix sinnvoll sein, jedoch nicht beim begradigen von Resonanzen und ähnlichem.
(Kleiner Tipp: Als erstes einen
Hochpass [lowcut] je nach Stimme bei 80Hz - 120Hz einstellen. Unterhalb dieser
Frequenz sind keine Tonalen Elemente der Stimme mehr vorhanden (Ausnahme Opernsänger-Bass). Was hier somit weggeschnitten wird, sind Luft- und Trittschallgeräsche, die ohnehin nur stören würden.)
Fällt jetzt auf, dass S-Laute überbetont sind und somit zu scharf klingen und zischen, bietet sich der Einsatz eines De-essers an. Das ist im Prinzip nichts anderes als ein dynamische Equalizer. Er arbeitet wie ein
Kompressor, ist jedoch Frequenzabhängig. Das heisst: Der
De-Esser wird auf die
Frequenz eingestellt, in der es zischt (wenn das Frequenzen hören noch nicht so in Fleisch und Blut übergegangen ist, kannst du es ausprobieren oder einen Spektralanalyzer zu Rate ziehen). In dem Moment in dem es dann zu einem Zischen kommt, ist die Amplitude dieser
Frequenz logischer Weise am höchsten und triggert damit den
Kompressor. Bei manchen De-essern gibt es eine interne Filterschaltung aus Hoch- und Tiefpassfilter, die das Triggersignal isoliert, sodass das Gerät noch genauer und Frequenzbezognener arbeiten kann. Bei korrekter Einstellung wird dann bei zischenden S-Lauten durch den hohen Pegel der Threshold überschritten und der Pegel des Signals für einen moment runter geregelt. Damit wird dem Laut die Schärfe genommen.
Das kann man natürlich auch durch händisches Schneiden erreichen, was aber nur einen Mehraufwand, aber keine qualitative Verbesserung mit sich bringt.
Knackser, Schmatzer und andere Störgeräusche, z.B. in Aufnahmepausen, sollten selbstverständlich auch entfernt werden. Atmer gehören zur Natürlichkeit dazu und sollten nicht gekillt werden (ausgenommen elektronische Musik). Es bietet sich jedoch an, die Atmer auf eine neue Spur zu verschieben, die bei der weiteren Bearbeitung nicht oder nur leicht komprimiert wird. Sollte das nicht gemacht werden, werden die Atmer natürlich auch verdichtet, was dazu führen kann, dass bei einer harten Kompression die Atmer so klingen, als würde der Sänger / Rapper nach Luft schnappen... das ist in den seltensten Fällen erwünscht.
Erst nachdem diese Schritte durchgeführt sind und die Stimme so natürlich klingt wie möglich, sollte man mit der weiteren Bearbeitung anfangen und den Sound so "verbiegen", wie er gewünscht wird. Dabei ist es sinnvoll neue PlugIns zu benutzen (oder um recourcen zu sparen die Spur zu exportieren und mit der bearbeiteten Spur fort zu fahren), damit man immer wieder auf den Urzustand zurück kommen kann und sich nicht versehentlich die beseitigten Probleme zurück holt.
Noch zu beachten: Vor dem ersten Plugin den Pegel auf Vollaussteuerung pegeln. Um dem folgenden PlugIn auch wieder einen ordentlichen Arbeitspegel zu bieten, auch den Ausgang des PlugIns wieder auf Vollaussteuerung pegeln. Ob du hoch oder runter regeln musst, hängt von deiner Arbeitsweise und vom Effekt ab. Achte in jedem Fall darauf, dass du das nachfolgende PlugIn nicht überfährst, indem du ihm zu viel Pegel gibst (das zerrt), aber auch nicht zu wenig Pegel zur Verfügung stellst.
Zu klingen wie jemand anders ist schwer bis unmöglich. Es ist immer vom Ausgangsmaterial abhängig und man kann besten Falls in die Richtung zielen. Da hier wohl keiner die betreffende Stimme oder die Aufnahme kennt, ist es schwierig zu sagen, wie genau du in diese Richtung kommst. Nutze dazu am Besten deine Ohren, hock dich hin und höre mit einer guten Abhöre und mit einem guten Kopfhörer die Produktion, die du als Vorbild hast und analysiere diese. Vergleiche sie mit deinem Material und deinen Möglichkeiten und taste dich ran.
Nur am Rande... Hallsummen ohne Predelay klingen unnatürlich. Bei so einer Musik würde ich auch kurze Predelayzeiten wählen, aber ganz darauf verzichten würde ich nicht.
@Oeji:
Das die Reihenfolge egal ist, ist leider ein Trugschluss! Es ist beim Einsatz von Effekten sehr wichtig eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten, damit der gewünschte Effekt eintritt und es kein böses Erwachen gibt. Senior Operator hat absolut recht. Zuerst eine Entzerrung mittels EQ, dann erst komprimieren.
Man stelle sich vor, man hat eine Sprach- oder Gesangsaufnahme, die in einem akustisch ungünstigen Raum (Mikrofon zunächst egal) aufgezeichnet wurde. Jetzt existiert in diesem Raum eine Resonanz bei z.B. 500Hz, die dazu führt, dass dieser Frequenzbereich in der Aufnahme stark überbetont ist. Komprimiert man dieses Signal, wird man, egal wie man den Kompressor einstellt, wohl nie glücklich werden. Das Signal wird zwar verdichtet, aber der Kompressor verringert ja lediglich den Dynamikumfang, also die Pegeldifferenz zwischen höchstem und niedrigstem Pegel. Da der höchste Pegel in diesem Fall dann bei 500Hz liegt und zudem durch die Resonanz unnatürlich hoch ist, so wird die Stimme durch die Kompression unnatürlich, unangenehm hohl und platt. In Momenten wo Luftgeräusche oder Trittschall existieren, beginnt der Kompressor zudem zu Pumpen, da er den extremen Pegel abfangen muss, obwohl er nicht zum Nutzsignal gehört. Dabei ist es irrelevant, ob es sich um externe Hardware oder interne PlugIns handelt. Es ist auch egal, ob man vorher manuell geschnitten hat und Lautstärken angeglichen hat, da sich die Probleme vorzugsweise auf Frequenzspezifische Fehler beschränken.
Egal was genau passiert, es werden Probleme auftreten!
Was natürlich Sinn macht: Vor dem Einsatz eines Kompressors EXTREME Pegelschwankungen zu bereinigen um den Kompressor sauberer einstellen zu können.
Herzliche Grüße,
Till